Deutsche Telekom verletzt die Netzneutralität

Zukünftig werden Kunden bei der Deutschen Telekom diskriminiert. Flatrates gibt es nicht mehr. Wer ein bestimmtes Downloadvolumen erreicht, dem wird der Zugang gedrosselt. Betroffen sind vorerst nur Kunden, die einen neuen Vertrag abschließen oder den Vertrag wechseln.

UPDATE: Auch Vodafone soll angeblich bald drosseln! Mehr dazu am Ende des Artikels.

Um der Diskriminierung zu entkommen, darf man also nicht umziehen, keine schnellere Leitung in Anspruch nehmen und ist ziemlich undynamisch an den selben Vertrag gebunden. Die Telekom gibt an, diese Maßnahme müsse ergriffen werden, da das Netzwerk sonst überbelastet wird. Da bekommt T-Systems die Millionen vom Staat durch IT-Großprojekte nur so hinterher geschmissen, weitere Millionen werden in den Netzausbau investiert und jetzt, wo zumindest ein kleiner Teil der Kundschaft schnelles Internet hätte genießen können, tritt „Big T“ mächtig in die Scheiße.

Diskriminierung und Netzneutralität

deutsche telekom fail

Die Telekom ist „funktional kaputt“. Bild: Neustart2013 via Twitter

Wer wird hier eigentlich diskriminiert, und warum wird die „Netzneutralität“ verletzt, und was geht mich das an?
Wie gesagt, gilt die Drosselung nur für neue Verträge und Vertragswechsel. Betroffen ist also jeder, der den Vertrag bei der Telekom ändert (Schnellere Leitung, Entertain-Pakete usw.) oder einen neuen Vertrag abschließt (bei Umzügen).
Inwiefern ist die Drosselung = Diskriminierung?
Der Nutzer wird Diskriminiert, indem er nicht die beworbene Leistung erhält. Also eine 16/25/50…Mbit/s Leitung. Die durchschnittliche Geschwindigkeit beträgt bei der 200Mbit/s Leitung für einen Monat 1.700kbit/s.
Außerdem wird diskriminiert, indem „reiche“ Leute einen Vorteil haben: Wer es sich leisten kann, macht einen Podcast, wird YouTube-Star, Hostet die eigene Webseite. Wer das Geld nicht hat, dem werden diese und noch viel mehr Möglichkeiten verwehrt.

Die Netzneutralität wird verletzt. Kunden können es sich nun nicht mehr Leisten, bestimmte Dienste uneingeschränkt zu nutzen. Den Mittelfinger zeigt die Telekom hier ganz besonders Video on Demand Diensten, da Telekoms eigenes VOD Entertain der Drosselung nicht unterliegt. Netflix, Lovefilm, Watchever, YouTube… alle diese Dienste erfordern eine hohe Bandbreite. Der Nutzer bekommt keine ausreichende Bandbreite, also können diese Dienste nicht genutzt werden. So werden einzelne Dienste im Netzwerk gezielt diskriminiert – die Netzneutralität wird verletzt.

Zahlen und Fakten

Mein Aktueller Anschluss, Call & Surf Comfort Plus bringt Daten mit 16.000kbit/s zu mir nach Hause. Schneller geht es nicht, da ich in einem Dorf wohne. Die eine Hälfte vom Dorf hat bis zu 25.000kbit/s, aber die andere nicht. Warum? Keine Ahnung… Aber der verkackte Netzausbau der Telekom ist ein Artikel für sich, jetzt geht es um die Drossel.


Also: Für Anschlüsse bis 16k wird ab 75GB monatliches Volumen gedrosselt. Beschränken wir uns auf den Download.
Der Monat hat 30 Tage * 24 Stunden * 60 Minuten * 60 Sekunden = 2.592.000 Sekunden.
Mit voller Bandbreite, 16.000kbit/s, sind die 75GB in (75*1024^3*8)/16000000 = 40265 Sekunden Aufgebraucht, das sind 11 Stunden – nicht mal ein halber Tag!
Für Schnellere Anschlüsse ist es noch unfairer, da das Volumenlimit nicht proportional mit der Anschlussbandbreite steigt:
Anschlüsse bis 200Mbit/s haben 400GByte vollen Speed. Nach der Rechnung von oben:
16.384 Sekunden oder 25MBit gegeben hat, ob diese allerdings tatsächlich genutzt wurden und wie die monatlichen Volumina aussahen, weiß ich nicht.

Die Tabelle zeigt aber schon sehr anschaulich, wer hier wie diskriminiert wird.

Anschluss Monatliches HighSpeed Volumen Dauer bis zur Drosselung (max. Geschwindigkeit) Maximales Volumen pro Monat (30 Tage) Maximales Volumen pro Monat wenn ungedrosselt Effektives Volumen (rel. zu ungedrosselt)
Bis 16.000kbit/s 75 GByte 11 Stunden 11 Minuten 189 GB 4828 GB 3,91%
Bis 50Mbit/s 200 GByte 9 Stunden 32 Minuten 314 GB 15087 GB 2,08%
Bis 100MBit/s 300 GByte 7 Stunden 9 Minuten 415 GB 30174 GB 1,38%
Bis 200MBit/s 400 GByte 4 Stunden 46 Minuten 515 GB 60350 GB 0,85%

In der Praxis

Das ungedrosselte Volumen braucht man z.B. für Videos auf YouTube, fürs Streamen von Liedern über Spotify, für Updates in Spielen und, und, und.
Als Beispiel nehme ich meinen eigenen Anschluss mit 16.000kbit/s (13.000kbit/s effektiv, aber ich gehe von Idealwerten aus).
Mein Vater hat ein neues Küchenradio gekauft, das übers Internet streamen kann, z.B. auch von Spotify.
Ausgehend von 320kbit/s CBR MP3s könnten wir das Radio 23 Tage ohne Unterbrechung Daddeln lassen – danach wäre die Bandbreite auf 384kbit/s beschränkt. 6PCs/Laptops, 1 Handy und 2TVs im Haus können auf YouTube zugreifen. Ein 1080p-Video braucht ca. 500kbit/s-1000kbit/s (Audio+Video), das wären 750kbit/s im Mittel. 222 Stunden Youtube HD-Videos können theoretisch ruckelfrei gesehen werden.

Hin und wieder zockt auch jemand ein Spiel, welches Updates benötigt. Uploadvolumen zählt auch dazu, ich Lade manchmal auch viele große Bilder auf meinen Blog hoch, andere im Haus nutzen soziale Netzwerke und laden Bilder hoch und runter. Große Programme (IDEs, SDKs), alles mögliche von und zur Cloud.
Und der größte Faktor: HD-Filme.

189GB können mit einem neuen DSL 16k Tarif maximal im Monat heruntergeladen werden. Das Volumen habe ich nach 2 Tagen verbraten. Wird Steam neu installiert werden standardmäßig alle Spiele neu heruntergeladen, beim Browsen kommt auch so einiges zusammen. Dazu noch IP-Telefonie und Videochats…
Das alles summiert sich ganz schnell.

Wer sich nicht mit Bit und Byte auskennt: 8bit = 1 Byte. 1000 bit = 1 kbit, 1024Byte = 1kByte. 384kbit/s entsprechen also 48kByte/s. Um 10 MB(yte) damit herunterzuladen dauert es gedrosselt (384kbit/s) 3 Minuten und 38 Sekunden.

Klar, nicht jeder lädt 1080p HD-Filme herunter und hat eine 2TB Spielsammlung. Aber wenn ich mal schätzen müsste, was für ein Transfervolumen ein typischer Haushalt (mit Kindern) so braucht… 250-400GByte. Wo die 16Mbit Flatrate reichte, muss entweder ein zusätzliches Datenpaket (Volumen und Preis noch nicht bekannt, Stand: 22.04.2013) gebucht werden oder ein „schnelleres“ Paket, wobei dies bei einigen Regionen nicht verfügbar ist oder keinen Sinn macht, da die Leitungen immer noch zu schlecht ausgebaut sind.

Abhilfe

Noch haben andere Provider keine Drosselung. Die Telekom denkt sich wohl, die Endkunden könne sie ausnutzen, andere Provider wären wohl zu offensichtlich als Verletzung der Netzneutralität erkennbar.

Wer also einen anderen Vertrag will, sollte den Provider wechseln. Weg von der Telekom. So lange die anderen Internetanbieter davon profitieren, werden sie nicht so dumm sein ebenfalls zu drosseln. Generell würde ich auch aus Protest überlegen, den aktuellen Vertrag zu kündigen und damit der Telekom zu zeigen, was sie da angerichtet hat. Ich persönlich weiß allerdings nicht, ob das rechtlich einfach von der Hand geht, da für Bestandskunden die Drosselung ja noch nicht gilt. Wer dazu mehr weiß, schreibt bitte in die Kommentare.

Jede noch so kleine Verletzung der Netzneutralität muss geahndet werden. Und was die Telekom hier macht ist nicht „klein“. Das ist ein Massiver Eingriff, auch wenn er erst in einigen Monaten oder Jahren eine Auswirkung für alle Zeigt. Dieses schädliche Verhalten ist unter Strafe zu stellen.

Weiterführende Links

Update: Auch Vodafone zieht nach

Wie Netzpolitik.org erfahren haben will, soll bald auch Vodafone eine Bandbreitendrosselung für DSL-Kunden einführen. Vodafone und Telekom sind in Deutschland schätzungsweise die beiden wichtigsten Anbieter für Internet, Telefon und Mobilfunk. Und wenn man sich mal die Mobilfunk-Preise bei Vodafone ansieht und mit der Telekom vergleicht, sieht man ganz gut, dass die zueinander passen.

Update²: Vodafone dementiert.

Mein Tipp: Fragt im Bürgerbüro, ob die Stadtwerke Internet anbieten. In einigen (wenigen) Regionen kann man sich für 200€ sogar Glasfaser bis ans Haus legen lassen und wird so direkt angeschlossen.

Update: Rechtfertigungen und Fazit

Das unglaubliche Versagen der Telekom lässt sich kurz gesagt auf 2 Gründe zurückführen:

>facepalm.jpg

Facepalm – Because expressing how dumb that was in words just doesn’t work.

1. Abschaffen der Flatrate, Downloadraten wie aus der Steinzeit. Damit werden wir erheblich zurückgesetzt, unsere technischen Möglichkeiten werden eingeschränkt. Die Arbeit von Zuhause aus dem Heimbüro mit VPN-Anbindung an das Firmeninterne Netzwerk wird praktisch unmöglich, generell alles was eine hohe Bandbreite beansprucht ist zum Sterben verdammt. Streaming-Dienste, Cloud, alles neue im Internet. Was zum zweiten Kritikpunkt führt.

2. Netzneutralität. Die Telekom beteuert zwar die Netzneutralität wäre nicht in Gefahr, bevorzugt würden das Hauseigene Entertain nur, da es ein bezahlter „Managed Service“ ist, und nicht über das Internet komme, sondern über ihr eigenes komisches Protokoll… (Im Endeffekt kommen die Daten übrigens als UDP-Pakete an) Dabei lügen sie und unverschämt an und sagen die Content-Anbieter können doch einfach Zahlen, damit ihr Volumen nicht mitgerechnet wird, und das wäre doch dann keine Verletzung der Netzneutralität. DOCH, meine Güte. Die Anbieter müssen Zahlen, damit ihre Daten im Netzwerk eine höhere Priotität haben. Es werden nicht alle Datenpakete gleich behandelt. Content-Anbieter wie YouTube Netflix und ALLE ANDEREN (selbst die kleinste Webseite) müssen Zahlen, um ihren Traffic nicht mitzählen zu lassen, damit ihr Angebot wirklich nutzbar ist. Danke für das schamlose Lügen, jetzt sehen endlich alle, wie verbittert ignorant betrügerisch ihr seid, liebe Telekom.

MoneyQuote:

Philipp Blank: Ich glaube, in dieser Debatte wird Netzneutralität teilweise mit einer quasi Gratis-Internetkultur verwechselt.

Ja, genau, Gratis, für 45€ im Monat. Danke, Telekom. Eure T-Systems Tochter bekommt die Regierungs-IT-Großprojekte nur so hinterhergeworfen, Deutschland investiert in besseren Netzausbau, wir zahlen monatlich Unsummen im Vergleich zu anderen Ländern für unseren Internetzugang, und jetzt werden wir als Schnorrer abgestempelt?

Achja, wisst ihr eigentlich woran man erkennt, dass man so RICHTIG TIEF in die Scheiße gelangt hat? Wenn selbst CSU und FDP gegen euch sind.

MfG
Damon Dransfeld

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Politik
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Ein Trackback

  • Von Netbookr am 29. September 2013 um 14:54

    Drosselfone und Drosselstar – machen Vodafone und Congstar bei der Droselung mit?

    Drosselfone und Drosselstar – Laut dem FOCUS sollen mittlerweile auch Vodafone und Congstar überlegen, ähnliche Wege wie die Telekom zu geben und die regulären Internet Anschlüssen ab einem bestimmten Volumen zu drosseln.  Die Pläne des danach al…

Achtung: Wordpress interpretiert bestimmte Zeichenfolgen als Markup und verändert diese. Nutzt für Programmcode lieber Gist oder PasteBin-Services und verlinkt die Code-Schnipsel.

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