Facebook: Sozial – Asozial

Aufstehen, Facebook. Auf der Fahrt zur Arbeit oder Schule, während jeder freien Minute, auf dem Klo. Wir alle kennen diese Freunde, die ohne Facebook nicht mehr leben können. Von einer möglichen Sucht einmal abgesehen, wer Facebook selbst im normalen Maße nutzt hat schon einige Probleme.

soziale netzwerke

Soziale Netzwerke hat das Internet genug. Bild: gsn-norderney.de

Facebook ist der Feind. Das mag jeder so sehen wie er will, für mich ist das ein Fakt. Wenn Leute erfahren dass ich keinen Account bei Facebook habe lautet der Schlachtruf „Du hast kein Facebook?!?!!!?“, gefolgt von komischen Blicken.

Diesen Artikel habe ich schon etwas länger auf meiner ToDo-Liste, damit ich solchen Leuten nicht immer wieder erklären muss, warum ich persönlich Facebook für die grausamste Erfindung des 21. Jahrhunderts halte.

Facebook: Die Geschäftsidee

Facebook wird als soziales Netzwerk vermarktet. Alte Freunde wiederfinden, einfacher mit aktuellen Freunden kommunizieren und neue Freunde kennen lernen. Der Mensch braucht Kommunikation und Gemeinschaft zum überleben, wir sind ein soziales Wesen. Es erscheint also auf den ersten Blick ganz logisch, warum soziale Netzwerke das Internet von Heute dominieren.

Doch mit steigender Besucherzahl sammeln sich die Serverkosten, der Programmieraufwand und auch die Daten. Es muss Geld investiert werden, damit die Erreichbarkeit sichergestellt ist, und die Mitglieder bleiben. Im Gegenzug muss aber auch irgendwie Geld wieder eingenommen werden, sonst lohnt sich der ganze Aufwand nicht.

Aber Facebook ist kostenlos. Facebook verkauft keine Produkte oder Dienstleistungen an die Mitglieder. Wie kann Facebook also wirtschaftlich rentabel sein? Zwei Faktoren kommen hier zusammen: Eine riesige Masse an Mitgliedern und deren Daten. Der feuchte Traum eines jeden Werbeagenten. Facebook verkauft keine Dienste an Kunden, Facebook verkauft Kunden an Dienste.

Facebook und die Daten

Das soziale Netzwerk ist ein riesiger Aggregator für Daten. Und genau diese Daten spielen für Marketing-Unternehmen eine große Rolle. Durch das Netzwerk wird ein Profil über jeden Nutzer erstellt: Alter, Geschlecht, Beruf/Einkommen, Wohngegend, Sexuelle Orientierung, Freundeskreis…

Doch die sozialen Netzwerke haben eine Besonderheit: Es sind nicht nur ein paar mehr oder weniger öffentliche Daten bekannt, die Netzwerke analysieren das Verhalten. Durch Elemente wie Like-Buttons, die in andere Webseiten eingebunden werden, erfahren die Netzwerke, welche Seiten die Nutzer wie oft und wann besuchen. Und der Like-Button speziell hat nicht nur die Funktion etwa den Freunden mitzuteilen, dass man Cola liked, durch alle zustande kommenden Likes ergibt sich ein Konsumprofil.

Beispielsweise wird ausgewertet: Nutzer XY hat ein besonderes Interesse an Energydrinks, Autos und Rock-Konzerten. Facebook nutzt diese Informationen, damit Werbefirmen gezielte Werbung schalten können. Wer Energydrinks mag, bekommt Werbung für Energydrinks. Wer Autos mag, bekommt Werbung für Autos.

Und das ist erst der Anfang vom Spiel mit den Daten…

Targeting: Werbung und Du. Und deine Freunde.

Ich mag also Autos, Energydrinks und Rock-Konzerte. Andere Nutzer, die diese Sachen mögen, mögen ebenfalls Bier. Statistisch gesehen stehe ich auf Bier, also bekomme ich Werbung für Bier.

Und wenn Facebook feststellt, dass meine Freunde alle Cola-Eis mögen, warum ich nicht auch? Es sind meine Freunde, also ist es nicht unwahrscheinlich, dass ich auch Cola-Eis mag. Und weil man seinen Freunden eher traut, als irgend einer Werbefläche auf Facebook, warum noch einen Umweg gehen? Facebook errät was ich mögen könnte, und schreibt es automatisch meinen Freunden. Weil das meine Freunde sind, vertrauen sie mir natürlich, viel mehr als der anonymen Werbefläche.

Facebook übernimmt das Denken. Sie liefern nicht nur Werbung vom Anbieter an die Mitglieder, sie benutzen ihre Mitglieder auch noch dazu selbst Werbung zu machen.

Hand aufs Herz: Facebook kümmert sich einen Dreck darum, ob wir neue Freunde finden und glücklich bis ans Lebensende mit ihnen in Kontakt stehen können. Facebook verkauft seine Kunden. Die Mitglieder sind die Warengüter sozialer Netzwerke.

Sozial Unsozial

OK, das mit der Werbung ist eine Sache. Eine andere Sache ist die Realitätsverzerrung die Facebook liefert. Wer am meisten Freunde hat, ist König. Mehr Likes, Pinnwandnachrichten, Freundes-anfragen. Massenkonsum von Freunden. Wir als soziale Wesen sind gerne von unseren Freunden umgeben, das ist klar. Soziale Netzwerke vermitteln allerdings das Bild, wir müssten so viele Freunde wie möglich haben. Und dabei mit jedem in Kontakt stehen. Wer hatte vor Facebook 400 Freunde?

Was online steht, das wird dann ganz schnell in die Realität umgesetzt. Auf einmal denkt jeder, man hätte 400 Freunde, um die man sich dann auch noch alle kümmern muss. Man hat heute nicht mehr 10-15 gute Freunde, man hat 200 Bekanntschaften. Die Freundschaft ist gespielt, gegenseitiges Interesse wird geheuchelt.

Was als sozial angesehen wird, viele Freunde im Internet zu haben, ist in der Realität ziemlich unsozial. Da werden die „richtigen“ Freunde vernachlässigt, zu Gunsten flüchtiger Bekanntschaften, denn man muss sich ja sozial geben und für jeden Freundlichkeit heucheln.

Hysterie und Hexenjagd

Jetzt, mit meinen 400 virtuellen Freunden, muss ich mich immer intensiver mit dem sozialen Netzwerk beschäftigen. Mehr Daten werden ins Netz gespült, Freundesinflation.

Und da jeder tausende von Freunden hat, muss man ja irgendwie Auffallen, um nicht in der Flut unter zu gehen. Etwas originelles, etwas neues, Hauptsache Aufmerksamkeit. Wir tun Dinge, die wir sonst nicht tun würden, um die virtuellen Freunde zu beeindrucken. Schließlich will jeder beliebt sein, ist ja sozial.

Da kommt es auch schon mal dazu, dass man die eigene Geburtstagsparty öffentlich macht, und die virtuellen Freunde die halbe Nachbarschaft verwüsten. Und was andere „erfolgreich“ vormachen, wird natürlich ganz schnell nachgemacht. Freihändig Roller fahren, mit dem Auto driften, von Brücken springen, krasse Sachen, Aufmerksamkeit ist das Ziel. Egal, ob jemand dabei zu Schaden kommt.

Hexenverbrennungen erleben ihr Comeback online. Wer in der Realität schon ausgeschlossen oder gemobbt wird, hat im sozialen Netzwerk keine Daseinsberechtigung. Schnell schaukelt sich die Massenhysterie hoch: Was man nicht mag, wird nieder getrampelt. Da alles online stattfindet, denkt man leicht, dass doch alles halb so wild ist. Doch für betroffene kann das gesamte Leben ruiniert werden. Es wird übereilt gehandelt, falsche Anschuldigungen verbreitet, und die Masse spielt mit. Zu sehen war dies zum Beispiel als jemand beschuldigt wurde ein Kind missbraucht und ermordet zu haben, oder als jemand schnellfertig für Terroranschläge verantwortlich gemacht wurde.

Dieses virtuelle Umfeld von Scheinfreunden und die „Macht der Masse“ scheint einigen einfach nicht gut zu bekommen.

Drama, Leid und Elend

Im sozialen Netz stellt sich jeder natürlich möglichst von der besten Seite dar. Photoshop statt Make-Up, jeder will der coolste sein. Und weil online jeder der coolste ist, wird das eigene Leben auf einmal so unbedeutend. Langeweile, Monotonie, Frust. Aber Hollywood sagt uns, dass unsere Leben voller Dramatik sind, und alle im Netzwerk haben da ihre Geschichten, also erfinden Leute urplötzlich ihr eigenes Drama. Nur, damit man irgend etwas zu tun hat, etwas worüber man mit den anderen Reden kann. Aufmerksamkeit.

Da entstehen Probleme, wo keine sind. Die virtuellen Freunde werden auf einmal zu Feinden, und umgekehrt. Für das kleine bisschen Drama im Alltag wird ein derartiger Zirkus veranstaltet, das glaubt man kaum. In Relation steht das mit dem „Assi-TV“ auf gewissen RTL-Sendern. Die Leute brauchen Drama, Leid und Elend. Lästern und mit dem Finger auf andere Zeigen, das tut gut. Und das bauen viele in ihren online-Alltag ein.

Hauptsache ein bisschen Leid und Elend, in dem wir uns weiden können. Das führt zu derartigen Realitätsverzerrungen, dass manche Versuchen, dieses künstliche Leid, die Dramatik in die Realität zu übertragen. Leben wie im Film, weil man Aufmerksamkeit will. Dadurch erleben einige Menschen einen Realitätsverlust. Da meint dann jemand er wäre Boss der Mafia, Anführer einer Ghetto-Gang, Oberhaupt einer Sekte… Die Auswirkungen auf das wahre Leben sind offensichtlich…

Facebook, Twitter, Google+, Tumblr, Reddit

Bisher habe ich als einziges soziales Netzwerk Facebook genannt. Das hat den guten Grund, dass alle besagten Szenarien auf Facebook besonders sehr zutreffen. Doch Facebook ist nicht das einzige Netzwerk das ich kritisiere. Twitter macht auf die selbe Art Werbung, Tumblr und Reddit haben die selbe Massenhysterie-Drama-Leid&Elend Politik, Google+ ist spätestens seit den Neuerungen der I/O 2013 unter den datenhungrigsten sozialen Netzwerken.

Aber alle diese Kriterien treibt Facebook noch mal auf die Spitze. Ich bin auch auf Twitter und Google+ vertreten, ich spalte mich ja auch nicht zu 100% vom sozialen Leben online ab. Aber Google vertraue ich so einigermaßen halbwegs, da sie sich um Transparenz bemühen, wirklich gute Services anbieten und versuchen, unsere Leben einfacher zu gestalten. Wobei auch viele Services mit Vorsicht zu genießen sind, etwa AdSense, die neue Hangouts-App, Gesichtserkennung und andere Bilder-Services die auf der I/0 13 vorgestellt wurden. Twitter akzeptiere ich in sofern, da nur hin und wieder einige bezahlte Tweets auftauchen. Im Gegenzug sind sie auch sehr um Transparenz und Sicherheit bemüht.

Aber diese künstliche Dramatik, Hysterie und Aufmerksamkeits-rumhurerei in Netzwerken wie Facebook und Reddit ist einfach unausstehlich. Manche leben nur noch dafür, sich im sozialen Netz darzustellen, virtuelle Freunde zu farmen und deren Aufmerksamkeit zu erlangen.

Ja, ich könnte mich bei Facebook registrieren, meinen AdBlocker einschalten und ohne Drama mit meinen besten Freunden kommunizieren. Aber da gibt es einen Haken. Facebook lebt allein von einer Zahl: Die Anzahl monatlich aktiver Nutzer. Allein mit dieser Zahl verdient Facebook sein Geld, denn die Werbefirmen zahlen entsprechend viel dafür, so viele Menschen zu erreichen. Diese Zahl gibt dem Netzwerk eine Herrschaftsstellung, eine Machtposition. Diese Zahl zwingt andere, sich dort zu registrieren.

Und wenn ich mich dort registriere, trage ich somit zum Fortbestehen dieser schädlichen Lebensweise bei. Von künstlichen Freunden, gespielten Leben und menschlichen Abgründen. Mit einer Registrierung solidarisiere ich mit diesem Lebensstil und spüle Geld in Facebooks Kasse. Und das ist das letzte, was ich will.

Falls mich mal wieder jemand fragt, warum ich „kein Facebook habe“, kann ich ganz bequem auf diesen Artikel verweisen. Damit ich mich nicht andauernd wiederhole.

MfG
Damon Dransfeld

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3 Kommentare

  1. Alex
    Erstellt am 23. Mai 2013 um 18:30 | Permalink zum Kommentar

    Wer braucht heute schon Fernsehen, wenn er Facebook hat? Da spielen sich genug Drama/Komedy/Horror-Szenen. Das fängt bei einem vergleichsweise harmlosen Spruch an, der auf dem Profil einer Bekannten gepostet wurde woraufhin sie gleich klagen will (auch wenn der Post gleich wieder entfernt und der Benutzer auf ihrem Profil gesperrt wurde, sonst keine weitere Störung), bis dahingehend, dass Leute Jobs verlieren oder noch groß ankündigen sich das Leben zu nehmen um es im nächsten Moment in die Tat umzusetzen.

    Das sind jetzt nur Beispiele die ich so am Rand mitkriege, denn auch ich bin -sogar auf gar- keinem sozialen Netzwerk gemeldet, dennoch haben sie von mir die Information keine weiteren Daten sammeln zu dürfen. Auch auf ICQ bin ich nicht mehr aktiv und Skype/MSN konnte ich auf ein Minimum reduzieren (d.h. wenn man mich alle paar Wochen on sieht kann man sich freuen o.ä.). Eher nutze ich offenere Methoden wie SIP-Prot., ansonsten telefonischen/(verschl)Mail Kontakt. Aber auch die halten sich in Grenzen. Der meiste Kontakt geschieht dennoch persönlich und das ist auch gut so.

  2. Florian
    Erstellt am 25. Mai 2013 um 19:55 | Permalink zum Kommentar

    Wie ich sehe bin ich nicht der einzige der nicht bei Facebook ist, ich kenn das auch, was du am Anfang des Artikels geschrieben hast. Ich bin auch bei twitter und Google+. Bei Twitter kriegt man hin und wieder mal was Intressantes mit und Google gibt wenigstens zu, wenn sie mist bauen, was schon in der heutigen Zeit viel Wert ist. Uas beruflichen Gründen bin ich dann noch bei XING. Das wars aber schon mit sozialen Netzwerken bei mir. Ich bevorzuge das echte Leben für soziale Kontakte, denn wer bei Facebook 400 Freunde hat ist wahrscheinlich in echt der Typ Mensch, der früher Nächtelang WoW gezockt hat und kein Leben hat. Ich bin mal gespannt wann die dumme Masse von Menschen, die bei Facebook sind aufwacht, denn Facebook ist jetzt an der Börse und braucht von Quartal zu Quartal Gewinn sonst werden sie zerlegt von den Finanzhaien, denen wir die Krise zu verdanken haben.

    Wer Facebook unterstützt unterstüzt meiner Meinung nach die Leute die die Finanzkrise und die Euro-Krise verursacht haben!

  3. david
    Erstellt am 9. August 2013 um 22:32 | Permalink zum Kommentar

    brilliante analyse – nur mit dem fazit ziehe ich absolut nicht gleich.

    „…Facebook lebt allein von einer Zahl: Die Anzahl monatlich aktiver Nutzer. Allein mit dieser Zahl verdient Facebook sein Geld, denn die Werbefirmen zahlen entsprechend viel dafür, so viele Menschen zu erreichen. Diese Zahl gibt dem Netzwerk eine Herrschaftsstellung, eine Machtposition. …“

    nicht nur fb lebt von einer zahle. auch twitter, g+ und der ganze rest lebt davon. somit bleibt nur die verweigerung dieses „sozialen“ netzwerk-schrotts. und ob sich nun bei fb, twitter oder g+ die größten aufmerksamkeitshuren anbiedern spielt nicht die gringste rolle und legitimiert weder die nutzung des einen noch verbietet es die nutzung des anderen dienstes. oder was geschieht, wenn die ganzen huren plötzlich das portal wechseln? geht es dann für dich wieder zurück zu fb? und google so „einigermaßen halbwegs“ zu vertrauen ist doch reichlich naiv. zumal das unternehmen durchaus als erfolgreichster und am längsten tätiger globaler datensammler aktiv ist. wenn nicht gar als der erfinder der kommerziellen datensammlung genannt werden muss.

    und mit blick auf die informationen zur nsa und der kooperation der (gezwungen oder auch freiwillig) webgiganten ist die mitgliedschaft in einem „sozialen web“ geradezu ein masochistischer akt. und auch dieser kommentar landet im kescher der nsa – github sei es gedankt.

    solange das webvolk jedoch für die kostenlose nutzung von inhalten und dienstleistungen seine privat- und intimsphäre preisgibt bzw. preisgeben muss, wird sich an dem status quo im web leider nichts ändern. geiz ist halt weiterhin geil – aber auch unglaublich dumm.

Achtung: Wordpress interpretiert bestimmte Zeichenfolgen als Markup und verändert diese. Nutzt für Programmcode lieber Gist oder PasteBin-Services und verlinkt die Code-Schnipsel.

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